Werkstätten für Menschen mit Behinderung – oder kurz: Wtf?

Das Thema Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfmB) ist ein kontroverses. Das wissen nicht alle, immer noch viel zu wenige, aber immer mehr – und wir ganz sicher. Denn wir arbeiten mit einer zusammen. Unser Ansatz und die Beweggründe, die uns vor 5 Jahren dazu bewogen haben, die Stephanus Werkstätten mit einem Teil der Tischlerarbeit in unserer Bettenproduktion zu beauftragen – mal davon abgesehen, dass sie qualitativ hervorragende Arbeit leisten – möchten wir euch hier erläutern. 

All denjenigen, die noch nicht so viele Berührungspunkte mit dem Thema hatten, empfehlen wir, diesen und diesen Artikel vom (unter anderem) Aktivisten Raul Krauthausen zu lesen, eine Stellungnahme des DRK dazu, den Beitrag hier von Jobinklusive, achso, und diesen Podcast vom SWR solltet ihr euch auch reinziehen.

Komplex, problematisch, WFMB

Ihr merkt dann vielleicht bereits: Allein den Ist-Zustand und seine Geschichte darzustellen, ist ziemlich komplex und umfangreich. Es geht um 

  • die unzeitgemäße politische Aufstellung der Wohlfahrtsverbände, die seit dem zweiten Weltkrieg im gesellschaftlichen Wandel nicht an die Anforderungen und Möglichkeiten von Menschen mit Behinderung angepasst wurde, sondern diese in ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten generalisiert und somit die Unabhängigkeit vieler unterbindet.

  • Inklusion als dementsprechend inhaltsleeres, paradoxes Marketing-Buzzword

  • die wirtschaftliche Ausbeutung der Betroffenen

  • das lahmende Bundesteilhabegesetz

  • die Tatsache, dass Unternehmen sich für nen Appel und ‘n Ei, man nennt es auch Ausgleichsabgaben, von der Pflicht freikaufen können, Menschen mit Behinderung einzustellen

  • die Unzulänglichkeit und Unzugänglichkeit des sogenannten ersten Arbeitsmarktes 

  • und. so. weiter.

Behindern Wfmb die Inklusion? 

Ein ganz entscheidender Punkt springt dabei aus unserer Sicht gerne mal hinter den Vorhang der Tragödie: Wer fällt eigentlich alles unter den Begriff  “Mensch mit Behinderung”? Wie kann man ein System schaffen, das für eine gerechte Teilhabe am Arbeitsmarkt und der Gesellschaft unter Berücksichtigung aller Formen und Ausprägungen von Behinderung adäquat berücksichtigt? Klingt nach einer Mammutaufgabe. 

Allen, die jetzt denken: Aaaaaahhh kompliziert!!11! sagen wir: Willkommen im Club. 

Aber zurück zu uns: Es liegt zunächst verständlicherweise auf der Hand, uns als Auftraggeber einer solchen Einrichtung nahezulegen, das faule System zumindest nicht weiter zu befeuern und unsere Aufträge anderweitig zu vergeben. Vor dem Hintergrund der öffentlichen Debatte und der Unbeflecktheit unserer weißen Marketingweste als ganzheitlich nachhaltiges und gemeinwohlorientiertes, hippes Berliner Start-Up geht – klingt das auch zunächst logisch. Aber nur zunächst. Denn wenn man etwas länger darüber nachdenkt, und das haben wir getan, wird die Ambivalenz der Thematik deutlich.

kiezbett und wfmb's

Die Sache ist die: 

Die (vom Systemversagen) Betroffenen leben im Jetzt und Heute, exkludiert durch "Inklusion". Uns geht es darum, dort, wo wir positiven Einfluss nehmen können – auch wenn es nur diese eine Werkstatt und ihre Mitarbeiter sind – dies auch zu tun. Hierfür können wir, auch wenn es gern als Phrase abgetan wird, mit Fug und Recht behaupten: Arbeit und Betreuung sind dort sehr gut. Die Werkstattleitung legt großen Wert darauf, dass den extrem individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen der Beschäftigten Rechnung getragen wird. Und ja, alle, mit denen wir gesprochen haben, arbeiten gerne dort. Wenn wir also sagen, dass wir hinter unserer Entscheidung stehen, dann weil wir das für unseren spefzifischen Fall tun.

Nur mal angenommen: Wenn wir von heute auf morgen unseren Auftrag zurückziehen und an eine konventionelle Tischlerei vergeben würden, hätten wir damit das System leider nicht relevant boykottiert. Denn davon könnten wir nur sprechen, wenn dadurch irgendein Druck nach oben aufgebaut würde. Der nächste Auftraggeber und damit das Wasser auf die Mühlen wäre allerdings sehr sicher schnell gefunden. Is leider so.

“Jaja, schön zurecht gelegt habt ihr euch das. Ihr spart doch ein Haufen Geld mit denen.” Naja, also: ja, unsere Kosten sind sehr wahrscheinlich geringer, als wenn wir unsere Betten über einen Großauftrag an eine konventionelle Tischlerei vergeben würden. Wir haben das ehrlich gesagt noch nie verglichen. In der Entstehungsphase von Kiezbett ging es darum, so ökologisch und sozial wie möglich zu produzieren. Deswegen war unsere Idee, den Auftrag in eine WfmB zu geben, damit die Menschen dort gemeinsam und möglichst abwechslungsreich an einem schönen Produkt arbeiten. Das kann man sicher immernoch kritisieren, aber wir sehen für dort einen positiven Unterschied für die Beschäftigten.

der traum von echter inklusion

Zusammenfassend ist unser Statement also: Insbesondere im Kontext der (zu Recht) sehr hitzig diskutierten Arbeitsmarktsituation für Menschen mit Behinderung in Deutschland legen wir besonderes Augenmerk darauf, dass den Beschäftigten unter den gegebenen Umständen ein würdiges und lebenswertes Betreuungs- bzw. ggf. Förderungsumfeld geboten wird (das ist nämlich auch nochmal ein großer Unterschied). In den Stephanus Werkstätten haben wir eine Einrichtung und Menschen gefunden, die aus unserer Sicht für alle Beschäftigten das Meiste aus dem Ist-Zustand herausholen. 

Wenn wir  ein paar Wünsche frei hätten, wären es, beginnend mit der niedrigsten zu höchster Wahrscheinlichkeit ihrer zeitnahen Erfüllung, die folgenden:

  1. Ein Arbeitsmarkt, der Menschen mit Beeinträchtigung die gleiche, individuelle Wertschätzung entgegenbringt, wie jedem anderen auch. Auch rechtlich. Auch finanziell.

  2. Mehr Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung und ihrer arbeitsmarktpolitischen Diskriminierung.

  3. Unternehmen, die repräsentativ für den sogenannten ersten Arbeitsmarkt ihre gesamtgesellschaftlichen Verantwortung anerkennen, Stellung beziehen und Menschen mit Behinderung ihre Türen öffnen.

Immerhin Letzteres können und gehen wir aktuell im Rahmen unserer Mögloichkeiten an. Mit diesem Artikel, mit unserer Offenheit für Kritik und Diskussion und mit unserem Pledge bei Inklupreneur und mit der Hoffnung, dadurch für die Zukunft zu einem positiven Wandel beitragen zu können.

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